ZKM Karlsruhe - JETZT: Es war, wird und ist

Das  Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe rollt z. Zt. dem in Stuttgart lebenden Video- und Installationskünstler Ulrich Bernhardt (*1942) den roten Teppich aus – und das völlig zu Recht: Hier wird ein kluger, eigenwilliger Pionier der Medienkunst in Baden-Württemberg gefeiert. Zu sehen ist ein wilder, spannend kuratierter Ritt durch mehrere Jahrzehnte künstlerischer Praxis: von politischen Frühgrafiken über Mail Art und Copy Art bis hin zu Videoinstallationen und Fotografie. Bernhardts Werk? Ein permanenter Drahtseilakt zwischen Experiment und Analyse – mit einem Augenzwinkern, versteht sich. Nicht umsonst nennt er sich selbst den „letzten analogen schwäbischen Romantiker“. Und das Beste: Die Kunstfreundinnen und -freunde der SportKultur wurden von ihrem Sportkameraden persönlich durch die Ausstellung geführt – direkter geht’s kaum.

Für Bernhardt ist Kunst kein Endprodukt, das geschniegelt in einem sterilen Ausstellungsraum steht, sondern ein laufender Prozess – Denken in Aktion. Als künstlerischer Kopf des 1978 wesentlich von ihm angestoßenen Künstlerhaus Stuttgart brachte er Anfang der 1980er-Jahre den Begriff der „künstlerischen Forschung“ ins Spiel. Dahinter steckt kein akademisches Schlagwort, sondern eine ziemlich radikale Idee: Erkenntnis entsteht nicht nur durch Beweise, sondern auch durch Erfahrung, Versuch, Umweg – und ja, manchmal auch durch bewusstes Absurdes. Genau in diesem offenen Feld entwickeln sich ästhetische Erfahrungen, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern Denkgewohnheiten ins Wanken bringen.

Sein Weg dahin? Ein kurzer Abstecher in den Medienbetrieb beim Süddeutschen Rundfunk (SDR), ein Forschungsprojekt an der Universität Stuttgart – und dann, ab 1974, erste Videoarbeiten mitten im sozialen Kontext. Seit den 1980ern wird’s dann richtig spannend: Bernhardt koppelt technologische Entwicklungen mit Denkfiguren der griechischen Mythologie. Klingt ungewöhnlich – ist es auch. Aber genau darin liegt der Reiz: Er fragt, wie Technik unser Denken formt und warum wir ausgerechnet mit uralten Mythen versuchen, diese Veränderungen zu begreifen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei Schwergewichte aus der Sammlung des ZKM: „Der Fluss“ (1978) und „Der Sarkophag“ (1996/2025). Beide drehen sich um Zeit – aber auf sehr unterschiedliche Art. „Der Fluss“, seine erste Videoinstallation, macht erfahrbar, wie alles ständig in Bewegung ist: Zeit, Kommunikation, Wahrnehmung. „Der Sarkophag“ geht noch ein paar Dimensionen weiter und beschäftigt sich mit der kaum vorstellbaren Zeitlichkeit radioaktiver Strahlung. Hier kippt Zeit in etwas Unheimliches: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen zu einem endlosen Jetzt. Gerade heute, wo wieder über Atomenergie diskutiert wird, bekommt die Arbeit eine unangenehme Aktualität. Mit Blick auf die Tschernobyl-Katastrophe erinnert sie daran, dass manche Risiken eben nicht einfach verschwinden – sie bleiben. Sehr lange.

Und wer genau hinschaut, kennt Bernhardt vielleicht schon aus dem Alltag: Die Fotofriese „Kulturströme“ in der Stadtbahnhaltestelle Killesberg in Stuttgart stammen ebenfalls von ihm – entstanden zur Internationalen Gartenbauausstellung 1995. Medienkunst, ganz nebenbei im Vorbeigehen.

Text und Foto:     Norbert Klotz