Schostakowitsch und Mendelssohn Bartholdy im Gustav-Siegle-Haus
Ein Konzert der Kontraste
Ein hochkarätiges und vielschichtiges Musikprogramm erwartete die klassikbegeisterten Mitglieder der SportKultur beim Nachmittagskonzert der Stuttgarter Philharmoniker im Oktober. Auf dem Programm standen zwei Kammermusikwerke, die unterschiedlicher kaum sein könnten: von tiefer historischer Dramatik bis hin zu jugendlichem Geniestreich.
Den Auftakt machte Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) mit seinem 1946 entstandenen Streichquartett Nr. 3 in F-Dur (op. 73). Schostakowitsch selbst bezeichnete das fünfsätzige Werk als eine seiner gelungensten Kompositionen. Statt der von der sowjetischen Staatsführung erwarteten heroischen Siegessinfonie nach dem Zweiten Weltkrieg, schuf er jedoch ein tief bewegendes Denkmal gegen den Krieg. Das Publikum lauschte gebannt dem gewaltigen Spannungsbogen: Der unbeschwerte Einstieg im ersten Satz wich schnell einer nervösen Unruhe. Im dritten Satz verdeutlichten schroffe Taktwechsel und ein maschinenhaftes Scherzo die Brutalität des Krieges, gefolgt von einem ergreifenden Trauer-Adagio. Nach kantigen Marschtönen und unruhigen Tanzelementen im Finalsatz, verhallte das Werk schließlich in einer fast betäubenden, geisterhaften Stille, ein Moment, der Gänsehaut hinterließ.
Nach der Pause erlebte das Publikum ein echtes Kontrastprogramm: Mit dem Streichoktett Es-Dur (op. 20) des erst 16-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) zog beschwingte Frische in den Konzertsaal ein. Die außergewöhnliche Besetzung aus vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli erzeugte eine beeindruckende Tonfülle, die fast schon an ein kleines Streichorchester erinnerte.
Die Stimmen der Instrumente treten in unterschiedlichen Kombinationen in Dialog, während die erste Violine immer wieder solistisch Gestalt annimmt. Nach dem lyrischen Andante brilliert das flirrende Scherzo mit seinem schwerelosen Charakter. Eine kunstvoll kontrapunktische Arbeit im Finale verbindet sich zu höchster Virtuosität. Von Goethes Faust inspiriert und im symphonischen Stil angelegt, bildete die Komposition den perfekten, schwungvollen Abschluss eines rundum gelungenen Konzertnachmittags.
Dieses harmonisch seelenvolle, Werk war für die Musikfreunde die willkommene Entschädigung angesichts des Dauerregens an diesem Tag.
Text: Norbert Klotz
Illustration: Programmtitel mit KI-Ergänzungen