Dem Himmel so nah: Ausstellung der städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

Dem Himmel so nah – Wolken in der Kunst

Mal zart, freundlich und duftig, weiß vor hellem Blau, mal bedrohlich aufragend, grau bis tiefschwarz, ziehen sie über den Himmel: Wolken – flüchtige Gebilde aus unzähligen Wassertröpfchen oder Eiskristallen. Seit jeher beeindrucken sie die Menschen und berühren emotional. Wie sich Künstler über einen Zeitraum von rund 500 Jahren mit diesem faszinierenden Naturphänomen auseinandergesetzt haben, zeigt eine Ausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Emden. Die SportKultur-Abteilung Kunst&KulTouR reiste nach Bietigheim und ließ sich von der Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kenntnisreich in Werk und Intention von mehr als 40 Kunstschaffenden einführen. Von der Gotik über Renaissance, Barock und Romantik bis in die Neuzeit spannt sich der Bogen der präsentierten Arbeiten – Gemälde, Grafiken, Fotografien, Installationen und Videoarbeiten, die das Motiv der Wolke aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten.

In der Malerei galten Wolken bis in das Barock hinein vor allem als Sinnbild des Göttlichen. Erst in der Romantik sowie bei impressionistisch geprägten Künstlern hielten sie als eigenständiges Gestaltungselement Einzug in die Landschaftsmalerei und wurden zum Träger von Stimmung und Atmosphäre. Die Künstler verließen nun mit Staffelei und Leinwand ihre Ateliers und arbeiteten direkt in der Natur. Dank der neu verfügbaren Farben in Tuben konnten sie das unmittelbare Naturerlebnis und die daraus erwachsende Inspiration erstmals vor Ort festhalten. Sehr ausdrucksstark rückten die Expressionisten weniger die ruhige Schönheit als vielmehr die Dramatik des Himmels in den Fokus. Aufgewühlte, verdichtete Wolkenmassen wurden zum Spiegel innerer Zustände und emotionaler Spannungen. Mit der zunehmenden Abstraktion löste sich das Wolkengeschehen schließlich immer weiter von der gegenständlichen Darstellung: Formen, Farben und Texturen traten an die Stelle konkreter Naturabbildungen. Diese Reduktion des Motivs auf seine elementaren visuellen und atmosphärischen Qualitäten, wurde zu einem konsequent experimentellen Bestandteil des Genres „Wolke“ – sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie, wo technische Innovationen neue ästhetische Zugänge eröffneten.

Die in Bietigheim vertretenen Künstler waren zu ihrer Zeit herausragende schöpferische Persönlichkeiten. Viele von ihnen zählen bis heute zum festen Kanon der Kunstgeschichte, andere werden erst wiederentdeckt oder haben sich in jüngerer Zeit neu im öffentlichen Bewusstsein etabliert. So ist Albrecht Dürer mit seinen religiös geprägten Bildwelten vertreten, während Gustav Schönleber – einst eine zentrale Figur zwischen Romantik und Impressionismus – mit eindrucksvollen Wolkendarstellungen über der schwäbischen Heimat beeindruckt. Felix Hollenbergs Radierungen entfalten bis heute eine große atmosphärische Dichte, ebenso wie die norddeutschen Landschaften, die Emil Nolde mit kraftvollem Duktus und intensiver Farbigkeit auf der Leinwand verewigt hat. Mit aufwendig inszenierten Fotografien, die bewusst an die Bildwelten der Romantik, etwa an Caspar David Friedrich, anknüpfen, hat sich der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama international einen Namen gemacht. Einen ganz anderen, poetisch-ironischen Zugang wählte Geoffrey Hendricks: In Himmelblau mit weißen Wölkchen bemalte, bereits getragene Arbeitsschuhe verwandeln das Alltägliche in ein stilles, zugleich nachdenkliches Kunstobjekt. Das Fazit der Besuchergruppe fällt entsprechend klar aus: Die Ausstellung eröffnet eine ebenso vielfältige wie wandelbare Welt am Himmel – und hinterlässt neue Sichtweisen auf ein Motiv, das vertraut scheint und doch immer wieder überrascht.

Text und Fotos: Norbert Klotz